Idee #5: Internationales Reisen vereinfachen (Von der Kunst des Stückelns)

1. Was gar nicht buchbar ist


Noch 2023 war es nicht möglich, in Österreich beispielsweise ein Ticket von Polen nach Österreich zu erwerben (ausgenommen eine von den ÖBB betriebene Nachtzugverbindung), weder auf oebb.at noch am Schalter. Nicht einmal über die Seite der polnischen Eisenbahn war dies möglich, nur vor Ort am polnischen Fahrkartenschalter. Auch über den Preis war vorab nichts zu erfahren. Mit Stand 2026 bekommst du auf oebb.at Tickets für einen Teil der polnischen Schnellzugverbindungen, beispielsweise ist knapp die Hälfte der Verbindungen Gdynia–Wien buchbar. (Ein Ticket von Hel nach Wien? Vergiss es.) Immerhin.


Viele andere internationale Destinationen sind mit Stand 2026 weder online noch am Schalter buchbar, beispielsweise Wien–Livorno. Man bekommt das Ticket weder auf oebb.at noch auf trenitalia.com. Du kannst auf oebb.at ein Ticket von Wien nach Florenz kaufen und auf trenitalia.com ein Ticket von Florenz nach Livorno. Immerhin.


Wien–Paris? Seit Einstellung des Nightjets im Dezember 2025 auf oebb.at nicht mehr buchbar! Nur ein Interrail-Ticket kannst du haben. Der versierte Fernreisende wird zumindest im Fall von Wien–Paris auf traivelling.com oder bahn.de fündig oder stückelt. Der durchschnittliche Fernreisende? Haut den Hut drauf und fliegt mit dem Flugzeug.


Wien–Czernowitz? Wenn du ein bisschen mit der Schreibweise experimentierst, spuckt dir oebb.at die Fahrzeiten für eine (einzige) Verbindung aus. Wenn du auf „Ticket und Preise“ klickst, wird „Chernivtsi“ aber automatisch durch „Steinfeld im Drautal Bahnhof“ ersetzt. traivelling.com und bahn.de können in diesem Fall auch nicht weiterhelfen. Vor 120 Jahren war diese Verbindung in Wien ziemlich sicher buchbar. Wie ich das beim letzten Mal gemacht habe? Ich habe auf mav.hu ein Ticket von Hegyeshalom nach Zahony gekauft und bin in Hegyeshalom eine Stunde am Bahnsteig herumgestanden. Aber dazu später. Heutzutage kriegt man auf oebb.at immerhin ein Ticket von Wien nach Chop (oder „Uzhhorod“).


Die weiteren Aussichten? Die EU-Kommission möchte die europäischen Bahnverwaltungen zwingen, ihre Daten im Rahmen eines „Open Sales and Distribution Model“ für internationale Buchungsplattformen zur Verfügung zu stellen. Im Idealfall kann man dann bei sämtlichen Bahngesellschaften Tickets nach ganz Europa kaufen. Bis das umgesetzt ist, wird allerdings noch viel Wasser die Donau, die Moldau und die Seine hinunterfließen.


Manchmal funktioniert es allerdings doch: Anno 2011 bin ich (beim ungefähr fünften Anlauf) eine halbe Stunde lang mit einem motivierten ÖBB-Schaltermitarbeiter und einer von mir im Internet ausgegrabenen Buchungsanleitung für ÖBB-Mitarbeiter über seinem Computer gekniet, bis ich Reservierungen für mehrere russische Fernzüge hatte. Bis rüber nach Wladiwostok (Das Ticket selbst, ein slowakisches CityStar-Ticket, musste ich allerdings vor Ort in Bratislava erwerben*).

 


2. Bis zur Grenze, und dann?


Logisch wäre es, wenn ein internationales Ticket von Land A nach Land B den gleichen Preis hätte wie die Kombination der beiden nationalen Tickets. Das ist aber nicht so.


Ein Vollpreisticket von Graz nach Spielfeld-Straß kostet aktuell (2026) 13,80 €. Ein Ticket von Sentilj (auf der anderen Seite der Grenze) nach Ljubljana ist auf oebb.at oder sz.si nicht buchbar und kostet, wenn man es an einem slowenischen Bahnhof kauft, 12,40 €. In Summe wären das 26,20 € von Graz nach Ljubljana. Auf oebb.at kostet das Ticket für die Gesamtstrecke (das auf der slowenischen Seite ebenfalls nicht buchbar ist) jedoch 32,80 €.** Aus keinem vernünftigen Grund! Von Spielfeld-Straß nach Ljubljana zahlt man auf oebb.at (nur dort buchbar) 24,40 €, also rund das Doppelte des Preises für Sentilj–Ljubljana, eine Strecke, die um 2 km oder 1 % kürzer ist. Stückeln ist hier also gar nicht möglich, es sei denn, du nimmst einen Zug, der in Sentilj stehen bleibt und kaufst das Ticket nach Ljubljana mit 5 € Bordzuschlag beim slowenischen Schaffner.*** Wenn du das Ticket nach Passieren der Grenze im Fernzug kaufst, zahlst du den (online nicht in Erfahrung zu bringenden) internationalen Tarif mit Bordzuschlag, im Jahr 2024 waren das für Spielfeld–Ljubljana 31 €.


Sinnvoll stückeln geht dann, wenn es im Ausland einen „Gemeinschaftsbahnhof“ gibt (und die Züge dort stehen bleiben). Beispielsweise kann man mit dem regionalen oder österreichweiten Klimaticket ohne Aufpreis bis Sopron fahren und dann mit einem günstigen ungarischen Binnen-Fahrschein nach Budapest. In Hegyeshalom (selbe Grenze, 50 km weiter nördlich) ist es komplizierter: Du musst als Klimaticketbesitzer einen (geringen) Aufpreis zahlen, um nach Hegyeshalom zu kommen und kannst, wenn du auf mav.hu einen günstigen ungarischen Fahrschein gekauft hast, nicht mit demselben Zug weiter nach Budapest fahren – weil die MAV bei internationalen Fahrten, die mit ein und demselben Zug absolviert werden, nur internationale Fahrscheine akzeptiert. Ich hab das einmal getestet und musste trotz vorhandener Tickets für Baden–Hegyeshalom und Hegyeshalom–Budapest tatsächlich einen neuen, wesentlich teureren Fahrschein beim Schaffner nachlösen. Eine Alternative zum teuren internationalen Fahrschein gibt es auf dieser Route: In Hegyeshalom aussteigen und eine Stunde später in den nächsten Zug einsteigen, aber so, dass einen der ungarische Schaffner sieht … Irgendwie absurd, oder? Beim privaten Unternehmen Regiojet wird das österreichweite Klimaticket bis Breclav bzw. Hegyeshalom akzeptiert.


Tschechische Freunde von mir haben einmal einen Fahrschein von Brno nach Breclav gekauft und sind mit einem auf oebb.at erworbenen Einfach-Raus-Ticket weiter nach Wien gefahren. Woraufhin ihnen der Schaffner eine Strafzahlung in Aussicht stellte, weil sich der „Grenztarifpunkt“ hier nun einmal genau auf der Grenze befindet (Woher hätten die beiden das wissen sollen? Nicht einmal in den umfangreichen Tarifbestimmungen der ÖBB werden die Grenztarifpunkte explizit aufgeführt.) und die beiden daher einen zusätzlichen Fahrschein für den Grenzabschnitt gebraucht hätten. (Von Passau nach Linz hätten sie mit dem Ticket hingegen fahren können.) Ein Ticket von Brno nach Breclav (60 km) kostet auf cd.cz umgerechnet 3,66 €. Ein Ticket von Brno nach Breclav und weiter nach Bernhardsthal (68 km) kostet auf cd.cz 13,80 €. Das ist doch deppert! Das Ticket für den 8 km langen Grenzabschnitt hätten sie auf der tschechischen Seite um 4,08 € bekommen, auf der österreichischen um 3,20 €. Es ist allerdings nicht besonders naheliegend, den Preis für drei Tickets zu eruieren, wenn man nur eine Grenze überquert.

 

Ich selbst bin unlängst mit meinem regionalen Klimaticket für NÖ/Burgenland von Baden nach Breclav gefahren, mit einem Regionalzug. Wenn ich das Ticket online mit im Account hinterlegtem Klimaticket kaufe, zahle ich 21,70 €. Wenn ich das Ganze auf zwei Tickets aufteile, z.B. BadenBernhardsthal und BernhardsthalBreclav, zahle ich 6,20 €.


Übrigens: Für die 2 km von Gmünd (NÖ) nach Ceske Velenice (CZ) zahlt man je nach Zug auf oebb.at 2,90 € oder 5,80 €. Auf cd.cz sind es mittlerweile einheitlich 77 CZK (3,17 €), immerhin. Anno 2022 waren es noch 179 CZK (damals 7,37 €). Auf oebb.at reichte die Preisspanne anno 2022 noch von 2,80 € bis 7,90 € (Vollpreis) bzw. von 0,50 € bis 3,20 € (mit Klimaticket).


Man muss beim Stückeln alle möglichen Varianten probieren, wenn man den besten Preis haben will. Verschiedene Seiten (in verschiedenen Sprachen), zwei oder mehr Fahrkarten für eine Verbindung. In manchen Ländern können in Regionalzügen gegen Aufpreis Fahrkarten erworben werden, in anderen nicht. Kundenfreundlich ist sowas nicht, übersichtlich schon gar nicht! Und an der Stückelungsproblematik, also der Tatsache, dass es sehr umständlich ist, für eine internationale Relation den bestmöglichen Preis zu bekommen, wird auch ein künftiges einheitliches Buchungssystem der EU nichts ändern. Mit etwas Glück gibt es dort dann dieselben Rabatte (z.B. VorteilsCard) und Sonderangebote (z.B. Sparschiene), die man bei den nationalen Bahngesellschaften kriegt. Die Standard-Preise für internationale Verbindungen werden aber weiterhin deutlich über den Preisen für die jeweiligen nationalen Verbindungen liegen. Gerade im Hinblick auf die Konkurrenz durch Flugzeuge ist das eigentlich katastrophal.

 


3. Bis zur Bundesländergrenze, und dann?


In den Tarifbestimmungen des VOR heißt es zum „VOR KlimaTicket Region“ (gültig in Niederösterreich und dem Burgenland): „Bei Fahrten über den Geltungsbereich hinaus ist ab dem letzten fahrplanmäßigen Halt im Geltungsbereich eine zusätzliche Fahrkarte zu lösen.“ Im Klartext heißt das, dass ich mit besagtem regionalem Klimaticket von Baden bis Wien Liesing fahren kann und dann mit einem Einzelfahrschein (3,00 €) weiter zum Wiener Hauptbahnhof. Allerdings nur dann, wenn mein Zug auch in Wien Liesing hält! Nehme ich den CJX, der von Baden bis Wien Meidling durchfährt, kostet mich die Fahrt ohne VorteilsCard 7,20 €.****


Im Fernverkehr verhält es sich ebenso: Wenn ich von Baden nach Graz fahren möchte und der Schnellzug am Semmering hält, benötige ich erst ab dort ein Ticket und bezahle ab Baden im Vollpreis 22,70 €. Hält der Zug dort nicht, benötige ich ein Ticket ab Wiener Neustadt und zahle somit 34,70 €.


Bei beiden Beispielen hängt der Preis also nicht von der Zugkategorie ab (Da gibt es in Österreich dankenswerterweise keine Unterschiede), sondern von der Kombination aus regionaler Zeitkarte und Haltemuster. Auch das gehört meiner Meinung nach dringend abgeschafft.


Das prominenteste Beispiel ist der neue Koralmtunnel. Die Logik sagt: Wenn ich ein Klimaticket für die Steiermark besitze und eines für Kärnten, kann ich damit von der Steiermark nach Kärnten fahren. Dem ist aber nicht so. Man benötigt für den Tunnelabschnitt (Weststeiermark–St. Paul, oder, wenn der Zug dort nicht hält, Graz–Klagenfurt) ein eigenes Ticket. Muss das sein?

 


4. Zusammenfassung


Es ergeben sich mehrere konkrete Wünsche an die Bahnverwaltungen und an die Politik:


a) Ein einheitliches Buchungssystem für alle Zugverbindungen in Europa. Dieses wird von der EU zumindest in Aussicht gestellt.


b) Teure internationale Tarife sollten abgeschafft werden. Von Prag nach Wien sollte man so viel zahlen wie von Prag zur Grenze und von der Grenze nach Wien.


c) Regional oder landesweit geltende Netzkarten sollten bis zum ersten Bahnhof im Nachbarland (bzw. Nachbarbundesland) gelten und stets miteinander kombiniert werden dürfen. Und zwar auch dann, wenn der Zug an der Grenze nicht stehen bleibt.


All das würde das Reisen über Landesgrenzen wesentlich vereinfachen und attraktiver machen. Auf der Langstrecke würde man dem Flugzeug gegenüber an Konkurrenzfähigkeit gewinnen.

* Den Grenzabschnitt habe ich bei dieser Einkaufstour übrigens mit dem Schlauchboot bewältigt. Nicht, weil ich Geld sparen wollte, sondern weil ich jung und abenteuerlustig war.

** Günstigere Sparschienen gibt es, wenn man länger im Voraus bucht.

*** Wenn du ein steirisches oder österreichweites Klimaticket hast, musst du noch einen zusätzlichen Fahrschein für den Grenzabschnitt kaufen. In slowenischen Regionalzügen werden, anders als in österreichischen Regionalzügen, noch Tickets verkauft.

**** Wenn man das Ticket für den CJX mit hinterlegtem Klimaticket VOR Region online kauft, ist es um 3,00 € zu haben. Der Kundenservice der ÖBB ist – anders als die Tarifbestimmungen – der Meinung, dass die Kombination aus Klimaticket VOR Region und entwertetem Einzelfahrschein für Wien im CJX zulässig ist.

Am 05.02.2025 ist EC 143 bei Sarasdorf unterwegs Richtung Budapest. Wer günstiger fahren will, muss in Hegyeshalom aussteigen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Josefa Maurer (Montag, 19 Januar 2026 21:12)

    So spannend, das heißt Erfahrungen gesammelt, gelesen, gerechnet, Pionierarbeit geleistet für zukünftige Verbesserungen! Gute Reise und weiterhin viel Freude bei Deinen Unternehmungen! Mögen Deine Vorschläge Gehör finden!